
Gedanken zu Psalm 90,12.
"Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden."
Dieser Vers begleitet mich oft an Tagen, an denen die Zeit zu rennen scheint. Zwischen Terminen, Verpflichtungen und To-do-Listen verliert man schnell das Gefühl dafür, was wirklich zählt. Dann lese ich diesen Satz – und er bremst mich. Er ist wie ein stilles „Atme“, ein Ruf, wieder auszurichten, was im Alltag durcheinandergeraten ist.
Bedenken, dass wir sterben müssen – das klingt schwer, fast melancholisch. Doch wenn ich ehrlich bin, macht es mich wacher für das Jetzt. Ich merke: Zeit ist kostbar. Jeder Tag ist ein Geschenk. Wenn ich das bedenke, bekommt selbst das Gewöhnliche Tiefe – das Gespräch mit einem Freund, der Blick aus dem Fenster, das Abendgebet.
Sterben zu müssen erinnert mich daran, nichts aufzuschieben, was wichtig ist: zu vergeben, zu danken, Zuwendung zu zeigen. Diese Gedanken machen nicht ängstlich, sondern dankbar. Sie helfen, klug zu leben – nicht perfektionistisch, sondern bewusst.
"Klug werden" meint in diesem Sinn nicht taktisches oder nützliches Denken, sondern das Erkennen des rechten Maßes. Es ist die Weisheit, die aus Ehrfurcht erwächst: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit“ (Sprüche 9,10). Psalm 90,12 erinnert uns daran, dass wir in der Gegenwart Gottes leben – vergänglich, aber nicht verloren; begrenzt, aber gehalten im Ewigen.
Darum lese ich Psalm 90,12 als Einladung zur Achtsamkeit im Glauben. Wer sich seiner Vergänglichkeit stellt, lernt, das Leben zu schätzen – und vielleicht beginnt genau dort die Klugheit, von der die Bibel spricht.